Kopfschmerzen als neurobiologische Erkrankung

Krankheitsbilder 

 

 

Kopfschmerzen als neurobiologische Erkrankung

Migräne
In der Ära der modernen bildgebenden Verfahren hat sich die Wahrnehmung der Migräne durch die Neurologen gewandelt. Während vor zwei-drei Jahrzehnten diese Kopfschmerzart meist als psychosomatisch bedingt verstanden wurde, führte eine Reihe wissenschaftlicher Arbeiten dazu, dass man die Migräne heute als neurovaskuläre Erkrankung versteht. Diesem Konzept liegt die Vorstellung einer migränösen Prädisposition zugrunde, also einer durch das Gehirn bedingten Bereitschaft, wiederholt migräneartige Kopfschmerzen zu haben. Die Psychosomatik ist aber trotzdem nicht ganz aus dem Spiel. So ist mittlerweile gut dokumen-tiert, dass psychische Faktoren sehr wohl als Auslöser schwerer oder häufiger Attacken wir-ken können. Eine psychologische oder psychosomatische Intervention kann somit – auch bei dieser neurobiologischen Erkrankung – unter Umständen wirksam sein.

Die Fortschritte in der Migränetherapie lagen hauptsächlich im Bereich der Anfallsbehand-lung. Die hochspezifisch wirkenden Triptane sind seit den 90er-Jahren auf dem Markt. Sie haben durch ihre Effektivität die Attackenbehandlung revolutioniert, so dass viele Patienten relativ schnell nach Behandlung wieder im Alltag funktionieren können, was zuvor nicht mög-lich war.

 

Migräne und ihre Bedeutung für den Einzelnen und die Gesellschaft
Migräne ist eine Erkrankung, die in der Pubertät beginnt, ihre maximale Ausprägung im er-werbstätigen Alter hat und im Senium abnimmt. Das Ausmass der Einschränkung im Alltag durch einen starken Anfall ist für den Einzelnen beträchtlich, das Funktionieren oft nur knapp oder überhaupt nicht möglich. Während viele der altersassoziierten Leiden direkte Krankheitskosten generieren, sind die wesentlichen durch die Migräne verursachten Kosten indirekt, also durch den Arbeitsausfall der Patienten, bedingt.

 

Cluster Kopfschmerzen
Eine seltene, praktisch immer invalidisierende Kopfschmerzart ist der Clusterkopfschmerz, der meist nächtlich auftritt. Das durch diese mit höchster Schmerzintensität einhergehende Kopfschmerzform erzeugte Leiden ist beträchtlich. Patienten berichten, dass nicht nur die hohe Intensität der Schmerzen, sondern auch das mehrfach tägliche und unvorhersehbare Auftreten der Attacken bei sehr schnellem Beginn belastend sei. Eine Betroffene verglich die Kopfschmerzen mit einem Mann mit einem Hammer, der hinter einem herläuft und einem drei bis viermal pro Tag unvermittelt auf den Kopf schlägt. Entsprechend ist die Inzidenz sui-zidaler Gedanken selbst bei der episodischen Form sehr hoch - bei über 50% der Patienten. Auch aus diesem Grund ist ein «Cluster», also ein Zeitraum mit rezidivierender Attacken der gleichnamigen Kopfschmerzen als neurologischer Notfall zu betrachten.

 

Ein Merkmal, um «Cluster Headache» gegenüber anderen starken Kopfschmerzen abzu-grenzen, ist das Gefühl von Unruhe, mit Agitation, natürlich neben der bekannten parasym-pathischen Aktivierung ipsilateral zum Schmerz, wie z.B. Ptose, Miose, Augentränen, etc.

 

Wesentlich bei dieser Kopfschmerzform erscheint, dass sie trotz des erheblichen Leidens-drucks bei den meisten Patienten ordentlich oder sogar gut therapierbar ist, was bei dem starken Leidensdruck besonders wichtig ist. Für besonders schwer betroffene Patienten wurde eine Zeitlang vorwiegend Tiefenhirnstimulation als Therapia maxima eingesetzt, je-doch zunehmend von der Stimulation des N. okzipitalis major verdrängt – aufgrund eines deutlich besseren Wirkungs- zu Nebenwirkungsverhältnisses.

 

Andere Kopfschmerzformen wie Spannungstypkopfschmerzen, Medikamentenüber-gebrauchskopfschmerz: Nur die wenigsten Patienten mit Spannungstypkopfschmerzen suchen deshalb einen Arzt auf. Bei denjenigen, die dies tun, sind Kopfschmerzen dieses Phänotyps oft «kleine Migrä-nen» und somit Bestandteil eines Kopfschmerzspektrums, in dem starke Migräneanfälle das Hauptleid bedingen. Oder aber es handelt sich um Medikamentenübergebrauchskopfschmerzen vor dem Hinter-grund einer langjährigen Migräneanamnese und einer allmählichen Veränderung der Kopf-schmerzcharakteristika unter hochfrequentem Gebrauch akut wirksamer Schmerzmittel.

 

Eine Sonderform des meist spannungstypartigen Kopfschmerzes ist der sogenannte «New Daily Persistent Headache» (Neu Aufgetretener Täglicher Kopfschmerz), ein Dauerkopf-schmerz mit sehr schneller Chronifizierung und teils beträchtlicher Therapieresistenz.

 

Abklärung
Schliesslich soll noch erwähnt sein, dass ein primärer Kopfschmerz nicht vor neu auftreten-den sekundären Kopfschmerzen schützt und bei einer Änderung des Kopfschmerzmusters oder einem sonstigen Warnzeichen auch der gut auf dem Notfall bekannte Patient erneut abgeklärt werden muss, falls notwendig mit Zusatzuntersuchungen.

 

zurück