Neurorehabilitation

Krankheitsbilder 

 

 

Neurorehabilitation


Eine Schädigung des Nervensystems führt zu neurologischen Funktionsstörungen (z.B. Bewegungsstörungen, sensorische Störungen, Störungen der höheren Hirnfunktionen), welche sich in Abhängigkeit des persönlichen Hintergrunds und von Umgebungsfaktoren unter-schiedlich auf die persönlichen Aktivitäten und soziale Partizipation auswirken können.
Trotz der Fortschritte in der medikamentösen Behandlung, sind die Auswirkungen neurologischer Krankheitsbilder auch heutzutage noch oft gravierend mit einer hohen Prävalenz an Langzeitbehinderungen. So ist beispielsweise die Multiple Sklerose weiterhin die häufigste neurologische Ursache für eine Behinderung im frühen Erwachsenenalter, der Hirnschlag die häufigste Ursache für eine Behinderung im späteren Lebensalter. Dies hängt damit zusammen, dass bei Schädigungen des zentralen Nervensystems eine vollständige Regeneration der Nervenstrukturen in der Regel nicht mehr möglich ist. Andererseits verfügt das Nervensystem über Mechanismen, welche eine gewisse Erholung über eine Anpassung der Funktionen bzw. funktionelle Reorganisation erlauben (sog. Neuroplastizität).
Die Neurorehabilitation versucht, diese plastischen Mechanismen und damit die Erholung zu fördern durch einen koordinierten Einsatz medizinischer, sozialer, beruflicher, pädagogischer und technischer Maßnahmen.
Das Hauptziel ist es, trotz bestehender neurologischer Störungen eine möglichst hohe Funktionsfähigkeit und Selbstständigkeit in persönlichen und sozialen Aktivitäten zu erreichen, um den Betroffenen eine möglichst unabhängige aktive Lebensgestaltung und hohe Lebensqualität zu ermöglichen.
Aufgrund der Komplexität der Störungsbilder (Wahrnehmung, Bewegung, Sprache, andere höhere Hirnfunktionen) ist in der Regel ein multidisziplinäres Rehabilitationsprogramm durch ein spezialisiertes Team (medizinische Dienste, Pflegedienste, Physiotherapie, Sportthera-pie, Ergotherapie, Logopädie, Neuropsychologie u.a.) notwendig, um die Erholung durch ein ziel- und alltagsorientiertes Training spezifisch zu fördern.

 

Aus tierexperimentellen Untersuchungen und Studien bei betroffenen Patienten ist bekannt, dass durch ein solches aktives Training ein Lernprozess in Gang gesetzt werden kann, wel-cher die Neuroplastizität fördert und damit die Auswirkungen der Funktionsstörungen auf die Aktivität und Partizipation reduziert. Die Erholungsprozesse können durch frühzeitigenBeginn und hohe Therapie-Intensität der rehabilitativen Massnahmen am besten gefördert wer-den. Deshalb sollten rehabilitative Massnahmen bei Akuterkrankungen möglichst frühzeitig nach medizinischer Stabilisierung begonnen werden: in der Hirnschlagbehandlung ist dieses Prinzip bereits im Stroke-Unit-Konzept umgesetzt, bei welchem die Neurorehabilitation ein wichtiger integraler Bestandteil der Akutphasenbehandlung darstellt.

 

 

Die Planung und Durchführung rehabilitativer Programme erfolgt individuell, basierend auf einer detaillierten Bestandesaufnahme der bestehenden Defizite und Einschränkungen. Da-bei werden zusammen mit den Betroffenen konkrete Ziele und ein individuell angepasstes Therapieprogramm festgelegt. Die Zieldefinition erfolgt heutzutage anhand der Internationa-len Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF), welche von der WHO zur umfassenden Beschreibung des Gesundheitszustandes und Auswirkungen von Krankheitszuständen entwickelt wurde. Der Hauptfokus der Neurorehabilitation liegt dabei in der Verbesserung von persönlichen Aktivitäten und der sozialen Teilnahme. Die festgelegten Ziele werden in regelmässigen Abständen durch das Behandlungsteam evaluiert und gegebenenfalls zusammen mit dem Therapieprogramm angepasst (Rehabilitationszyklus, s. Abbildung).



Die Organisation (stationär, ambulant, heimbasiert), Dauer und die spezifischen Inhalte der Rehabilitationsmassnahmen sind abhängig von Verlauf und Ausmass der bestehenden neu-rologischen Störungsbilder sowie von individuellen Faktoren und der Zielsetzung. Grundsätzlich ist bei Betroffenen mit komplexen Störungsbildern und deutlichen Einschränkungen der Selbstständigkeit eine längere intensive stationäre multidisziplinäre Neurorehabilitation notwendig, während bei Patienten mit leichten Behinderungen, welche sich auf wenige Funkti-onsdefizite beschränken, oft eine kürzer dauernde ambulante bzw. heimbasierte Rehabilitation möglich ist.
Klinische Studien zeigen, dass durch eine spezialisierte Neurorehabilitation die Einschrän-kungen der Funktionen und der persönlichen Aktivitäten von Betroffenen mit akuten und chronischen Behinderungen bei unterschiedlichen neurologischen Krankheitsbildern (Hirn-schlag, Multiple Sklerose, Schädel-Hirn-Verletzung, u.a.) signifikant verbessert werden können.
Neuere Entwicklungen lassen hoffen, dass durch den Einsatz computer- und roboterbasierter Technologien sowie durch spezifische Interventionen in den Erholungsprozess mittels repetitiver transkranieller Magnetstimulation von Hirnarealen in Kombination mit neurorehabi-litativen Massnahmen der Erholungsverlauf in Zukunft weiter verbessert werden kann.

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